„Für jedes Kind lohnt es sich zu kämpfen!“ - Kinderhaus München feiert Jubiläum

München – Wäre der Ex-Fußballstar und jetzige Schauspieler Jimmy Hartwig später und in München geboren worden, wäre er vielleicht im Kinderhaus München betreut worden. Das legte die Rede Hartwigs auf der Feier zum 40. Jubiläum dieser heilpädagogisch-therapeutischen Tagesstätten in privater Trägerschaft im Studio Balan nahe. Hartwig erzählte aus seiner Kindheit, die 1954 begann: Der Vater, ein afroamerikanischer Soldat, besuchte ihn nur einmal, die alleinerziehende Mutter hatte im Überlebenskampf selten Zeit für ihn. Nachbarskinder verspotteten ihn der Hautfarbe und der ärmlichen Lebensumstände wegen. Verhaltensauffälligkeiten, Bettnässen … ohne Vertrauenspersonen hätte er es schwerlich zu Schulabschluss und Fußballkarriere geschafft, vermittelte Hartwig. Sein Fazit: „Kinder müssen sich auf Beziehungen verlassen können! Kinder, die allzu früh Armut, Ausgrenzung, Gewalt, Teilleistungsstörungen oder Entwicklungsstörungen haben, brauchen unsere Unterstützung und Einrichtungen wie das Kinderhaus. Für jedes Kind lohnt es sich zu kämpfen!“

Auch Kinderhaus-Kinder selbst kamen zu Wort – in Form eines frisch produzierten Videos, das jetzt auf Youtube läuft. „Ich kann Architekt oder Ingenieur werden. Vielleicht will ich das?“, meint ein neu im Selbstbewusstsein erblühter Junge, „Ihr habt mein Leben verändert. Ich wurde zu einem besseren Menschen“ ein zweiter. Zwei Erwachsene erzählen, wie sie in Kinderhäusern Halt fanden und dass sie nun beruflich und privat angekommen sind. Mehr als 10.000 junge Menschen konnte das Kinderhaus schon fördern, betonte darum Geschäftsführer Rainer Eckerl, Sohn der Gründerin des Unternehmens.

Wie Jimmy Hartwig, so war auch Unternehmensgründerin Liselotte Eckerl-Riesch eine Kämpferin. Eckerl verwies auf die Anfänge als Elterninitiative. Sein Bruder kam seiner schweren Legasthenie wegen nicht mit der Schule zurecht, seine Mutter tat alles, um ihren Sohn aufzubauen … und bald auch viele andere Kinder. „Die Anfänge liefen von einem Schreibtisch im Heizungskeller aus“, berichtete Eckerl-Rieschs Weggefährtin Dr. Edith Klasen, Diplompsychologin und Legasthenie-Expertin, die die Familie Eckerl damals beriet. Die heute 90-Jährige Klasen war bei der Gründung des Arbeitskreis Legasthenie Bayern e. V. 1974 ebenso dabei wie bei den Anfängen im Kinderhaus für jene Schüler, denen einmal Legasthenie-Therapie pro Woche nicht reichte. Inzwischen können Schüler mit unterschiedlichsten Herausforderungen schulischer oder familiärer Art ins Kinderhaus kommen, auch gibt es ambulante Angebote und Mitarbeiter gehen zu Familien und in Schulen.

Verena Dietl, Stadträtin und stellvertretende Sprecherin des Kinder- und Jugendhilfeausschusses, lobte das Kinderhaus-Team so: „Sie sind als Kooperationspartner verbindlich, verlässlich und vor allem sehr belastbar“.  Sozialreferentin Dorothee Schiwy ergänzte: „Sie haben vielen Kindern den Weg in eine bessere, perspektivenreiche Zukunft geebnet.“ Staatssekretär Georg Eisenreich nannte das Kinderhaus „unverzichtbar in der Landschaft der Stadt München.“ Die Psychologin und Diplomkauffrau Prof. Dr. Anja Lüthy, BWL-Professorin an der TH Brandenburg, moderierte launig-charmant durch den Nachmittag und lud alle Anwesenden schon einmal zum 80.-Jährigen anno 2057 ein. (pp)

Geschichte:

1974: Aus einer Elterninitiative von Liselotte Eckerl-Riesch entsteht der Arbeitskreis Legastenie Bayern e. V. zur Unterstützung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Störung bzw. –schwäche

1977: Um jenen Kindern mit Legasthenie helfen zu können, für die ein Therapie-Nachmittag pro Woche nicht ausreicht, eröffnet die erste heilpädagogisch-therapeutische Tagesstätte Kinderhaus München in der Menzinger Straße.

1979: Das zweite Kinderhaus München eröffnet in München-Ost.

1989: München-Süd bekommt Kinderhaus Nr. 3

1997: Kinderhaus Nr. 4 eröffnet in Waldperlach

2000: Kinderhaus Nr. 5 eröffnet in Neuhausen

2006: Das Angebot wird um den mobilen Familienkrisendienst erweitert

2008: Das Kinderhaus München bietet nun auch Unterstützung im Rahmen der Frühen Hilfen an

2017: In 5 Kinderhäusern gibt es 208 Betreuungsplätze für die Nachmittage bzw. Ferien. Hinzu kommen die Einsätze in Familien, die Frühen Hilfen, eine heilpädagogische Ambulanz und zunehmend heilpädagogisch-therapeutische Angebote in Schulen. Mehr Informationen: www.kinderhaus-muenchen.de.

Video 40 Jahre Kinderhaus München